Von Margarita Votteler, erfahrene C1-Prüferin seit 2009
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Gute Argumente reichen beim telc C1 Hochschule nicht. Die Prüfung bewertet ein eigenes Kriterium namens Repertoire, und dort geht es genau um deinen Wortschatz und deine wissenschaftliche Sprache. Bis zu 12 der 48 Punkte im Schreibteil hängen daran. Ein Text mit klugen Gedanken, aber Alltagssprache, bleibt in diesem Kriterium bei C oder D hängen. Hier sind die Formulierungen, die auf C1 erwartet werden, und die Regeln, nach denen ich sie in der Korrektur einordne.
Warum Redemittel ein eigenes Kriterium sind
Der Schreibteil hat vier Kriterien: Aufgabengerechtheit, Korrektheit, Repertoire und Kommunikative Gestaltung. Jedes bringt bis zu 12 Punkte, bewertet in vier Stufen. A ergibt 12 Punkte, B 8, C 4 und D 0. Zwischenwerte gibt es nicht.
Das Kriterium Repertoire prüft das Spektrum und die Beherrschung des Wortschatzes, dazu die wissenschaftssprachlichen Mittel: Nominalisierungen, Fachbegriffe und Konnektoren. Für ein A braucht dein Text einen breiten, präzisen Wortschatz und vielfältige, treffende Konnektoren. Für ein B reicht ein angemessener Wortschatz mit überwiegend korrekter Wissenschaftssprache. Wer häufig umgangssprachlich schreibt, landet bei C.
Der Unterschied zwischen 8 und 12 Punkten liegt nicht in der Menge der Redemittel. Er liegt in der Treffsicherheit. Ein „Es ist davon auszugehen, dass …" an der richtigen Stelle bringt mehr als fünf auswendig gelernte Wendungen am falschen Ort.
Das Format in einem Absatz
Du hast 70 Minuten für eine Aufgabe und wählst eines von zwei Themen. Als Vorlage bekommst du zwei gegensätzliche Aussagen und eine kurze Situierung, zum Beispiel ein Seminar. Es gibt keine Grafik und keinen Lesetext.
Du schreibst mindestens 350 Wörter: beide Aussagen würdigen, Argumente abwägen, eine eigene Position begründen. Ein Wörterbuch ist im Schreibteil nicht erlaubt. Ignorierst du eine der beiden Aussagen, kommt die Aufgabengerechtheit nicht über C hinaus. Verfehlst du das Thema ganz, werden alle vier Kriterien mit D bewertet.
Die Einleitung: Hier entscheidet sich das Register
Deine ersten drei Sätze zeigen, ob du das akademische Register beherrschst.
Schwach (B2): „Heutzutage gibt es viele Diskussionen über Digitalisierung an Universitäten. Manche Leute finden das gut, andere nicht. Ich werde beide Seiten erklären."
Stark (C1): „Die vorliegende Erörterung beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern digitale Lernformate die Präsenzlehre ersetzen können. Während Befürworter die Flexibilität betonen, verweisen Kritiker auf den Verlust sozialer Interaktion. Beide Positionen werden im Anschluss kritisch gewürdigt."
Der starke Text nutzt Nominalisierungen („Erörterung", „Verlust"), Metasprache („die vorliegende Erörterung") und präzise Verben („verweisen auf", „gewürdigt werden").
Redemittel für die Einleitung:
- Die vorliegende Erörterung beschäftigt sich mit der Frage, …
- Im Zentrum der folgenden Betrachtung steht …
- Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Bereich … stellt sich die Frage, …
- Ziel der folgenden Ausführungen ist es, …
- Im Rahmen dieser Darstellung soll geklärt werden, …
Nutze diese Wendungen nur, wenn danach eine echte Frage kommt. Eine Metasprache ohne Inhalt fällt in der Korrektur sofort auf.
Beide Aussagen würdigen
„Würdigen" heißt nicht „loben" und nicht „ablehnen". Es heißt: die Position genau wiedergeben und ihre Folgen erkennen.
Schwach: „Die erste Person sagt, dass Online-Kurse gut sind. Die zweite Person findet Präsenz wichtig."
Stark: „Die erste Aussage vertritt die Position, dass Flexibilität im Studium Vorrang haben sollte. Dieser Ansatz berücksichtigt vor allem die Bedürfnisse berufstätiger Studierender. Die zweite Aussage betont dagegen die soziale Funktion der Universität als Ort des Austauschs."
Redemittel für die Würdigung:
- Die erste Aussage besagt, dass …
- [Autorin] vertritt die Position, dass …
- Während die eine Seite argumentiert, …, betont die andere, …
- Im Gegensatz zu dieser Auffassung steht die Position, …
- Kritisch anzumerken ist, dass …
- Zu hinterfragen ist, ob …
Argumentation: Struktur schlägt Menge
350 Wörter klingen nach viel und sind wenig für eine vollständige Erörterung. Schreib lieber drei entwickelte Argumente als sechs angerissene. Ein entwickeltes Argument hat eine Behauptung, eine Begründung und eine Folge oder ein Beispiel.
Behauptung: Ein erstes Argument für Online-Lehre ist die räumliche Flexibilität. Begründung: Studierende mit Kindern oder Pflegeaufgaben können so überhaupt erst ein Studium aufnehmen. Folge: Daraus resultiert ein breiterer Zugang zur Hochschulbildung.
Redemittel für die Argumentation:
- Ein erstes Argument für … ist …
- Darüber hinaus spricht für diese Position, …
- Als weiterer Aspekt ist zu berücksichtigen, …
- Als Ursache für diese Entwicklung ist … anzusehen.
- Daraus resultiert …
- Problematisch erscheint, dass …
Drei Bausteine der Wissenschaftssprache
Nominalisierungen. Statt „Wenn man die Daten analysiert, sieht man …" schreibst du „Die Analyse der Daten zeigt …". Statt „Man sollte die Positionen vergleichen" schreibst du „Die Gegenüberstellung der Positionen ermöglicht …". Häufige Formen: die Analyse, die Bewertung, die Umsetzung, die Entwicklung, die Untersuchung.
Vorsichtige Formulierungen. Wissenschaft ist selten absolut. Statt „Das ist falsch" schreibst du „Es ist zu hinterfragen, ob …". Statt „Das wird passieren" schreibst du „Es ist davon auszugehen, dass …". Weitere Wendungen: „Es lässt sich nicht ausschließen, dass …", „Es ist anzunehmen, dass …", „Mit hoher Wahrscheinlichkeit …".
Präzise Einschränkungen. Statt „Das ist immer so" schreibst du „Unter den gegebenen Voraussetzungen …" oder „In begrenztem Maße …". Adverbien wie „weitgehend", „überwiegend" und „stellenweise" zeigen, dass du differenzierst.
Der Schluss: Synthese statt Wiederholung
Ein Fazit, das nur sagt „Es gibt Vorteile und Nachteile, jeder muss selbst entscheiden", bringt in der Kommunikativen Gestaltung keine Punkte. Der Schluss braucht eine Position, die beide Seiten aufnimmt.
Stark: „Abschließend lässt sich festhalten, dass weder eine vollständige Digitalisierung noch eine strikte Präsenzpflicht den Anforderungen moderner Hochschulbildung gerecht wird. Erforderlich ist ein hybrides Modell, das Flexibilität ermöglicht, ohne die soziale Dimension des Studiums zu vernachlässigen."
Redemittel für den Schluss:
- Abschließend lässt sich festhalten, dass …
- Als Fazit ergibt sich, …
- Aus der vorangegangenen Betrachtung folgt, …
- Für die Zukunft ist zu erwarten, …
- Perspektivisch ist eine Entwicklung in Richtung … zu erwarten.
Drei Fehler aus der Korrektur
Der Redemittel-Stapel. „Die vorliegende Erörterung beschäftigt sich im Rahmen der folgenden Betrachtung mit der Zielsetzung, …" Zwei Metasprachen in einem Satz verwässern die Aussage. Eine Wendung pro Satz genügt.
Die Registermischung. „Die Forschung zeigt, dass das total wichtig ist." Entweder wissenschaftlich („von erheblicher Bedeutung") oder gar nicht.
Die leere Wendung. „Man sollte bedenken, dass verschiedene Aspekte eine Rolle spielen." Welche Aspekte, welche Rolle? Jede Wendung muss einen konkreten Gedanken tragen, sonst kostet sie Punkte statt sie zu bringen.
Eine Übung zum Schluss
Formuliere diesen B2-Satz auf C1 um: „Viele Studenten haben keine Zeit für Präsenzveranstaltungen, weil sie arbeiten müssen."
Eine mögliche Lösung: „Ein erheblicher Anteil der Studierenden ist aufgrund beruflicher Verpflichtungen nicht in der Lage, regelmäßig an Präsenzveranstaltungen teilzunehmen." Geändert haben sich drei Dinge: „viele Studenten" wurde zu „ein erheblicher Anteil der Studierenden", „haben keine Zeit" zu „ist nicht in der Lage", und „weil sie arbeiten müssen" zur Nominalisierung „aufgrund beruflicher Verpflichtungen".
Ob dein eigener Text schon so klingt, siehst du am schnellsten, wenn du ihn prüfen lässt. Du bekommst eine Rückmeldung, die an den öffentlich verfügbaren telc-Kriterien ausgerichtet ist und dir zeigt, wo du noch umgangssprachlich schreibst und wo deine Wendungen passen. Eine offizielle Note ist das nicht, die vergibt nur telc. Text einschicken →
Wie die vier Kriterien zusammen die Punkte ergeben, steht hier: telc C1 Hochschule: die 4 Bewertungskriterien.
Häufige Fragen
Wie viele Redemittel muss ich pro Text verwenden?
Es gibt keine Mindestzahl. Bewertet wird, ob dein Wortschatz breit, differenziert und präzise ist. Fünf treffend gesetzte Wendungen bringen mehr als fünfzehn mechanisch eingefügte.
Darf ich im Schreibteil ein Wörterbuch benutzen?
Nein. Im Schreibteil sind keine Hilfsmittel erlaubt. Nur in der Vorbereitungszeit der mündlichen Prüfung darfst du ein einsprachiges Wörterbuch verwenden.
Wo ist die Grenze zwischen wissenschaftlich und gestelzt?
Wissenschaftlich ist präzise, distanziert und klar. Gestelzt ist überladen und unverständlich. Wenn du einen Satz zweimal lesen musst, um ihn zu verstehen, ist er zu lang oder zu schwer. Kürze ihn.
GermanExam.pro ist ein unabhängiges Lernwerkzeug und steht in keiner Verbindung zu telc oder den Prüfungszentren. Die Kriterien und Formatangaben stammen aus den öffentlich verfügbaren telc-Unterlagen.
